Omas alte Fotokiste - Warum drucken wichtig ist

Ich habe aktuell mehr Jugendfotos von meiner Grossmutter als von mir. Und von ihr gibt es nicht viele. Der Unterschied: während meiner Jugend gab es digitale Kameras für den Massenmarkt zu günstigsten Preisen, während ihrer waren Boxkameras und die ersten Kleinbildkameras der Höhepunkt der Technik und der Zweite Weltkrieg tobte.

Aufgefallen ist mir das Ganze beim Digitalisieren ihrer alten Fotokiste. Ein Projekt, das mich noch eine Weile beschäftigen wird. Und ein Projekt das mir im Verlauf deutlich weniger wichtig geworden ist, als das der Vorsatz meine eigenen Bilder häufiger zu drucken.

Eine alte, kleine Blechkiste

Das älteste Foto in Omas Fotokiste zeigt meinen Urgrossvater, mit Kameraden und Hund, im Ersten Weltkrieg. Über 100 Jahre ist es alt. Auf dem neusten bin ich zu sehen. Bei einem Ausflug, auf dem Knie meines Opas. Das ist auch schon mehr als ein Vierteljahrhundert her.

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Und zwischen Vater und Enkel findet sich ein Haufen Erinnerungen an ein ganzes Leben. Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte. Deshalb war es mir wichtig sie in den Computer zu holen. Da sind sie sicher. Da kann man sie katalogisieren. Und da kann man sie teilen.

Aber da fasst man sie nie mehr an

Aber gerade das Anfassen ist es, was die Bilder so kostbar macht. Zum dritten oder vierten Mal sind meine Oma und ich die Kiste zusammen durchgegangen, als ich sie zum digitalisieren abgeholt habe. Zum ersten Mal seit Jahren wieder, bei den letzten war ich noch Kind.

Wir hatten jedes Bild in der Hand, haben über jedes geredet. Zu manchen gab es nur einen Satz - ,,Bei dem waren wir auf dem 50. Geburtstag?“. Zu anderen gab es lange Geschichten. Die Odysee des selbstgenähten Hochzeitskleides, was mein Opa für Aufwände betreiben musste um an Trauringe zu kommen. Wie viel Glück sie mit dem Grundstück hatten. Geschichten vom Lehrer Berg und der Ärztin die an der Ecke wohnte. Vom Hausbau, Bienenallergien und Ferien. Davon, was mein Vater als Kind getrieben hat und von den Großonkeln und Großtanten die ich nie kannte.

Für mich hängt an jedem Bild nicht nur die Geschichte dahinter. Es hängt an jedem eine Erinnerung an die Zeit, ich in Omas Küche verbracht habe, um ihr zuzuhören und zu sehen, wie die alten Geschichten wieder wach werden.

Eine gemeinsame Lücke in der Fotogeschichte

Eine Sache fällt beim Durchsehen allerdings auf: Es gibt Kinderfotos aber kaum Jugendfotos. Das lässt sich recht leicht damit erklären, dass Kameras erst auf dem Weg zur Massenware waren. Aber sie waren noch keine. Insbesondere nicht in den Kriegsjahren. Die Prioritäten waren andere.

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Schlimmer ist im Vergleich, dass ich nicht mehr Jugendbilder von mir auftreiben kann. Dabei fällt meine Jugend in die Zeit der ersten digitalen Kompaktkameras. Mit etwa 8 Jahren hatte ich meine erste analoge Kompaktkamera, als ich 15 war, befand sich die erste digitale Kompaktkamera im Familienbesitz. Mit 18 hatte ich mein erstes Mobiltelefon mit Kamera. Damit sollte ich zu einer Generation gehören, die in Fotos ertrinkt.

Da hilft auch keine Kiste

Während das Fotohandy - Marke und Modell entziehen sich der Erinnerung - einen entscheidenden Schritt in der Fotografie darstellt, war es Film noch deutlich unterlegen: Die Aufnahmen sahen aus wie Briefmarken, es hatte genug Speicherplatz für ungefähr drei Fotos und niemand der MMS empfangen konnte, wollte die Gebühren dafür zahlen.

Trotzdem ist es als Kamera in den Skiurlaub mit Freunden gefahren ist. Die Familienkamera war mit meinen Eltern woanders Ski fahren und Film war so altmodisch. Die Fotos waren also nicht besonders hochwertig und haben auch keinen besonderen emotionalen Wert: Nils mit Gletscherbrand, Sebastian auf der Piste, Patrick an der Bar. Es ist nicht der schlimmste Verlust, dass sie es nicht vom Gerät geschafft haben, bevor es Totalschaden erlitten hat.

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Aber das ist nur Teil eines Musters. Mein Problem ist nicht, dass keine Fotos gemacht wurden. Das Problem ist, dass sie nie gedruckt wurden. Es gibt Kisten und Fotoalben aus meiner analogen Kindheit. Dann kamen die ersten digitalen Kameras im Freundeskreis auf. Ab da gab es nach Geburtstagen, Schulausflügen oder Ferienfreizeiten keine Liste mehr für Abzüge. Ab da gab es gebrannte CDs.

Und da sind die Fotos meiner Jugend: verstreut auf verkratzten CDs, die nur noch Plastikabfall sind, auf Festplatten die den Geist aufgegeben haben. Und vielleicht hier und da verstreut bei alten Freunden und Bekannten, wenn sie bessere Back-Ups haben.

Es war zum ersten Mal eine Zeit, in der Bilder nichts kosteten und kaum Arbeit machten. Wie heute. Irgendwie ging darüber auch ihr Wert verloren.

Heute wäre das nicht passiert

Heute ist die Infrastruktur sicher besser. Damals war das digitale Mittelalter. Datensicherheit hat niemanden interessiert und dass Dateien verschwanden war, im jugendlichen Leichtsinn, einfach der Lauf der Dinge. Heute macht das Smartphone automatisch Backups bei Cloudanbietern, bei denen wir uns nie angemeldet haben. Und wenn das Bild in drei Whatsapp-Gruppen, Instagram und Facebook gepostet ist, findet sich im Notfall sicher jemand, der es noch gespeichert hat.

Nur in der Hand halten kann man sie trotzdem nicht. Sicher vor Verlust und Zerstörung sind sie auf Papier auch nicht unbedingt. Aber ein Abzug hält deutlich länger als eine Festplatte. Ein Fotoalbum ist schwerer zu verlieren als ein Smartphone. Und ein Wandbild ändert nicht plötzlich seine Nutzungsbedingungen oder geht Pleite.

Und wer guckt sich das an?

Und noch einen Vorteil haben Bilder auf Papier: Mir fallen viele Gelegenheiten ein, zu der alte Fotokisten und Alben rausgekramt wurden. Meistens wurde daraus eine gemütliche Zeit auf Sofa. Eine Tasse Tee, Kaffee oder Schokolade und viele alte Geschichten. Ich kann mich nicht erinner, dass mir das jemals mit einem Smartphone oder Tablet passiert wäre.

Mehr Drucken und besser sichern

Das Projekt die alte Fotokiste in das Internetzeitalter zu holen geht weiter. Die Abzüge sind für mich zwar deutlich wertvoller, als ihre digitalen Versionen, aber es gibt die Abzüge nur noch einmal. Die Digitalisierung der Bilder ist für mich schnell von der Idee ihnen so wieder Leben einzuhauchen zu einem reinen Sicherungsprojekt geworden. Leben tun sie auf Papier, wenn man sie anfasst und zusammen betrachtet.

Ich werde jetzt ein Album zum letzten Urlaub erstellen. Was ist das letzte Foto, dass sie wirklich in der Hand hatten?